Fusion von Fachhochschule und Universität: Grund für die interdisziplinäre Ausrichtung der Leuphana?

Fusion von Fachhochschule und Universität: Grund für die interdisziplinäre Ausrichtung der Leuphana?

Eine Rezension von Eva Kern

Die kritische Festschrift „Eine Universität für das 21. Jahrhundert? – 10 Jahre > Leuphana <“ wurde anlässlich des Endes des zehnten Leuphana-Semesters im Februar 2018 vom Allgemeinen Student*innenausschuss der Universität Lüneburg herausgegeben. Sie beleuchtet die Entwicklung der Lüneburger Universität seit ihrer Neuausrichtung ab 2007, gibt – in chronologischer Reihenfolge – Rückblicke, Einblicke und Ausblicke.

Schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis macht den strukturiert, wohl-recherchierten Aufbau der Festschrift deutlich. Beeindruckend ist die Vielfalt der Betrachtungen: Hintergründe zur Stiftungsuniversität, Rückblicke auf die Fusion mit der Fachhochschule vor Ort, Zusammenhänge mit dem Bologna-Prozess, Einblicke in die Hochschulpolitik u.v.m. Das Vorwort stellt all diese in einen Zusammenhang, bietet einen ersten chronologischen Rückblick auf die Ereignisse der zurückliegenden zehn Jahre, lässt Kritik anklingen und gibt einen Ausblick auf die zusammengestellten Artikel. Wohl ausgewählte Grußworte dreier heute in der Politik aktiven Uni-Absolvent*innen werfen ihrerseits einen persönlichen (Rück-)Blick auf die Uni. Vor den inhaltlichen Ausführungen werden die Lesenden durch einen übersichtlichen Zeitstrahl mit der Entwicklung der Universität vertraut gemacht und können sich so zu Beginn gleich einen guten Überblick schaffen. Insgesamt eine abgerundete Einführung, die den Lesenden gut mitnimmt.

Die folgende Rezension bezieht sich insbesondere auf den Artikel „Szenen einer Ehe – Über die Fusion der Fachhochschule Nordostniedersachsen mit der Universität Lüneburg“. Die Auswahl ist nicht wertend, sondern erfolgte aus persönlichen Gründen: Als FH-Absolventin und heutige Promotionsstudentin an der Leuphana Universität sprach mich der Artikel direkt an und lies mich neugierig werden, wie eine derartige Fusion aus Sicht einer Uni-AStA-Sprecherin vorgestellt wird.

Chronologische Beschreibung der Ereignisse

Die Fusion von Lüneburger Fachhochschule und Universität wird zunächst von Linda Macfalda, AStA-Sprecherin, weitestgehend objektiv-kurzgefasst dargestellt. Verschiedenste Fragen aufwerfend gelingt es Macfalda, den Lesenden gut mitzunehmen und die Zusammenlegung Schritt für Schritt, basierend auf der Chronologie der Ereignisse, zu beschrieben.
Insgesamt weckt, aus meiner Sicht, insbesondere der mit Fragen durchbrochene Schreibstil Interesse. Die Darstellung ist vielfältig, reicht sie doch von politischen Entscheidungen über die inhaltlich-örtliche Ausrichtung bis hin zur Erwähnung der Logo-Umgestaltung. Der an mehreren Stellen erfolgte Rückschluss auf die heutige Leuphana hilft den Lesenden, die die Leuphana (nur) aus heutiger Sicht kennen, bei der Einordnung des Vorgestellten: „Die Universität Lüneburg war vor der Fusion eine Campus-Universität, die ihren Sitz auf dem heutigen Hauptcampus in der ehemaligen Scharnhorstkaserne hatte“ (S. 51). „Die zentrale Verwaltung war wie heute in Gebäude 10 auf dem Campus Scharnhorststraße zu finden. Der Ausbau des dortigen Dachgeschosses schaffte mehr Platz für die Verwaltung der neuen Universität“ (S. 52). „Bei der Konzeption der neuen Studiengänge für die >Modelluniversität< wurden einige Ansprüche formuliert, die wir heute noch im Leuphana-Studienmodell erkennen können […]“ (S. 53). Eine derartige In-Bezug-Setzung bildet zudem einen gelungenen Abschluss der Beschreibung des Uni-FH-Zusammenschlusses. Trotz der insgesamt recht objektiven Beschreibung bleiben dann auch unterschwellige persönlich-kritische Nuancen nicht aus – was dem Titel einer kritischen Festschrift nur gerecht wird: Im Rahmen der weitreichenden Reformen „war auch die Neuausrichtung als Leuphana möglich, wenngleich sie sicher nicht der einzig denkbare Weg nach der Fusion war“ (S. 54).

Aus Sicht der Beteiligten

Nach der gut-strukturierten Zusammenfassung der Fusion folgen persönliche Rückblicke auf die Ereignisse. Diese bilden insgesamt den größten Teil des Artikels. In Form von Interviews kommen Prof. Dr. Christa Cremer-Renz, Mitglied des Übergangspräsidiums, zunächst Professorin an der FH, später der Uni, Prof. Dr. Peter Pez, vor und nach der Fusion Universitätsprofessor der Kulturwissenschaften und Dr. Ernst Roidl, FH-Student und später Uni-Promotionsabsolvent in Lüneburg, zu Wort. Alle drei bieten spannende Einblicke in die Zeiten während der Zusammenlegung der Hochschulen. Aus meiner Sicht eine sehr gelungene Zusammenstellung der Interviewpartner*innen. Alle drei Akteur*innen waren sowohl an der Fachhochschule als auch an der Universität – vor und nach der Fusion – aktiv bzw. stehen der FH-Charakteristik zumindest durch ihr Forschungsgebiet nahe (Pez, S. 71: „[…] Kulturwissenschaften, die von seiner Tradition her anwendungsorientiert arbeitete […]“).

Frei denkende Langzeitstudierende

Insbesondere die Darstellungen von Peter Pez und Ernst Roidl stellen eine spannende Ergänzung dar. Pez wirft den professoralen Blick von der Uni auf die FH: „Es klingt jetzt vielleicht ein bisschen nach Dünkel, aber es hat auch einen konkreten Hintergrund, wenn ich sage, dass Universitätsausbildung und universitäre Lehre sehr darauf erpicht ist, Wissenschaftler*innen auszubilden, die mit dem Stoff frei denken, sich neue Forschungsfragen überlegen, letztendlich den wissenschaftlichen Fortschritt vorantreiben. Und mit gewissen zweischneidigen Blicken wurde das gesehen, was auf der Fachhochschulebene ablief; dort ging es zumindest aus universitärer Sicht weniger um Forschung, sondern vor allem um Lehre […]“ (S. 65). Diese unterschiedliche Wahrnehmung wird von der studentischen FH-Seite aus blickend von Roidl bestätigt: „Ein weiteres Problem war ein gewisser Standesdünkel des Universitäts-AStAs: Diese neigten manchmal dazu, uns FHler*innen eher als Studierende zweiter Klasse zu bezeichnen, der allgegenwärtige >Niveauverfall< wurde befürchtet und wir waren damit beschäftigt, dem Vorurteil Einhalt zu gebieten, zum Beispiel, indem wir dagegenhielten, wie viel Zeit wir pro Woche mit Studieren verbrachten im Gegensatz zu den in unseren Augen doch recht trägen Langezeitstudierenden […]“ (S. 75).

Persönlich interessant finde ich auch die Erläuterungen von Cremer-Renz im Hinblick auf den überraschenden Charakter der Fusion und die historisch-informative Darstellung der Komplexität der Zusammenlegung. Der Blick aus Sicht der Organisation Hochschule stellt zahlreiche Facetten vor, die zumindest ich nicht in Verbindung mit einer Fusion von Hochschulen gebracht hätte, bspw. „ein Beratungsangebot für alle Beschäftigten und ProfessorInnen […] [und] eine Ringvorlesung zum Thema der Fusion und den innovativen Aspekten und Standpunkten mit anschließender Diskussion […]“ (S. 61). Bei der Gegenüberstellung dieser präsidialen Darstellung mit derjenigen aus studentischer Sicht wird eine Kritik deutlich, die auch heute noch des Öfteren an der Leuphana geäußert wird. Obwohl es auf allen Hochschulebenen wohl ähnliche Herausforderungen „des Kennenlernens, der Akzeptanz und gegenseitigen Wertschätzung jenseits von Konkurrenz oder Geringschätzung“ gab, blieb eine Zusammenarbeit zwischen den Ebenen, laut Roidl, aus: „Man kann hier nicht von Zusammenarbeit sprechen, es war eher ein informatorisches Austauschverhältnis […]. Dies war ein aufreibender Prozess, wir Studierende wurden hier aber kaum aktiv eingebunden und waren eher passive Empfänger*innen von Entscheidungen“ (S. 75).

Und diejenigen, die keine Überleitung erlangten?

Insgesamt haben die in den Interviews Zu-Wort-Kommenden einen – so scheint mir – recht positiven Blick auf die Fusion, was, meiner Meinung nach, nicht den unterschwellig-kritischen Blick der Autorin der zusammenfassenden Darstellung widerspiegelt. Neugierig wäre ich daher auf eine Darlegung einer Person aus dem „zufällig abgeschafften“ Sozialpädagogik-Bereich (Pez: „Das war eine Art Zufallseffekt, und das hat viel böses Blut gegeben“ (S.69)), insbesondere da sich vor kurzem wieder eine Entwicklung in diese Richtung zeigte: „Uni will Masterstudiengang Bildungswissenschaften abschaffen“ titelte die Landeszeitung Lüneburg am 20. Juli 2017. Die anschließende Senatssitzung, an der geschätzt 40 Studierende eben dieser Fachrichtung ihrem Unmut über die geplante Schließung argumentativ-nachfragend Luft machten, wird mir in Erinnerung bleiben. Sie ist für mich ein Beispiel der konstruktiv-kritischen Einmischung der Studierenden in die Geschehnisse an der Lüneburger Universität. Ich selbst wirkte mehrere Jahre sowohl als Studierende als auch als Promovierende in verschiedenen Hochschulgremien mit und schätze den studentischen Einsatz für ihre jeweiligen Anliegen. Meiner Meinung nach bedingt das Recht sich über vorhandene Gegebenheiten (konstruktiv) zu beschweren die Pflicht des Engagements für eine entsprechende Lösungsfindung.

Herzlichen Dank an alle Autor*innen und Mitwirkenden der Festschrift für ihr Engagement, einen Einblick in die Universitätsentwicklung zu geben und dabei den Anspruch zu verfolgen, dass „[wer] neu an diese Universität kommt, [..] die Möglichkeit haben [soll], sie als Ergebnis von vergangenen Entscheidungen wahrzunehmen […]“. Mir persönlich wurde das durch die Lektüre der kritischen Festschrift ermöglicht.

 

Eva Kern hat bis vor Kurzem an der Fakultät Nachhaltigkeit zum Thema „Umweltwirkungen von Software“ in Kooperation mit dem Umwelt-Campus Birkenfeld (Standort der Hochschule Trier) promoviert und beschäftigt sich mit der Entwicklung eines Blauen Engels für Softwareprodukte. Daneben lehrt sie im Leuphana-Semester und im inter-transdisziplinären Projekt zum „mosaique – Haus der Kulturen Lüneburg“.

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